Nachrichtenversagen
Im Rausch der Bilder, im Dunkeln der Realität: Die Chronik eines Nachrichtenversagens
Während die Weltbühne von autokratischen Inszenierungen dominiert wird und wir uns in Lifestyle-Debatten flüchten, erodiert vor unserer Haustier das Fundament des Staates. Eine Abrechnung mit den falschen Prioritäten.
Es ist ein Paradoxon unserer Zeit: Wir sind so informiert wie nie zuvor, und doch verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Die Schlagzeilen werden dominiert von einer Obsession mit internationalen Machtspielen, während die grundlegende Daseinsvorsorge im eigenen Land bröckelt. US-Präsident Donald Trump teilt die Welt ungeniert in Einflusszonen auf und verkündet eine „Donroe-Doktrin“, die das Völkerrecht durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Seine Inszenierung der Festnahme des venezolanischen Diktators Maduro verfolgt er wie eine TV-Show, und die Weltöffentlichkeit starrt gebannt auf dieses Spektakel. Gleichzeitig richten sich die Augen auf den Iran, wo das Mullah-Regime wackelt und Hunderttausende „Tod dem Diktator“ rufen, während Trump droht, bei Tötung von Demonstranten militärisch einzugreifen. Diese geopolitischen Spannungen dominieren die Titelzeilen und binden unsere Aufmerksamkeit in der Ferne, während die Einschläge im Inneren näherkommen.
Die Personalisierung der Politik als Ablenkung Statt strukturelle Prozesse zu analysieren, verfällt die Berichterstattung einer extremen Personalisierung. Es geht um die großen Figuren: Trumps moralische Entgrenzung, bei der nur sein „eigener Verstand“ ihn stoppen kann, steht im Mittelpunkt, nicht die systemischen Folgen für die globale Ordnung. Auch hierzulande verengt sich der Blick: Ob Ministerpräsident Woidke in Brandenburg oder Kanzlerkandidat Merz – politische Inhalte treten hinter den Handlungen und dem Schicksal von Führungsfiguren zurück. Sogar in der Berichterstattung über den Berliner Stromausfall wurde diskutiert, ob der Regierende Bürgermeister Kai Wegner Tennis spielte, statt die systemische Anfälligkeit der Energieversorgung in den Fokus zu rücken. Subjektive Erzählansätze und Protagonisten sind omnipräsent, als ob die Welt nur noch durch den Blick einzelner Akteure darstellbar wäre.
Stumpfe Waffen: Die Kapitulation des Journalismus Die Medien selbst scheinen in dieser Gemengelage ihre Orientierung zu verlieren. Die Süddeutsche Zeitung konstatiert bitter, dass journalistische Waffen wie Redlichkeit, Genauigkeit oder Objektivität im Angesicht von skrupellosen Populisten wie Trump „offensichtlich stumpf“ geworden sind. Medien reflektieren ihre eigene Hilflosigkeit, da der Wille zur Enttarnung der Macht durch Fakten ins Leere läuft, wenn das Gegenüber gemeinsame Prämissen gar nicht mehr anerkennt. Es entsteht das Gefühl, dass das Verhältnis von Grundrauschen und Substanziellem im Journalismus aus dem Lot geraten ist.
Flucht ins Private: „Alles dreht sich ums Ei“ Während die Weltordnung wankt und die journalistische Kontrolle versagt, flüchtet sich ein Teil der Öffentlichkeit in das Unpolitische. Es scheint, als solle die Komplexität der Krisen durch banalen Konsum kompensiert werden. Für Themen wie Kochshows und Restauranttipps werden ganze Seiten geschaffen – unter Überschriften wie „Alles dreht sich ums Ei“ wird das Frühstück neu inszeniert, als gäbe es keine drängenderen Sorgen. Design-Produkte, Küchentrends im „Japandi-Stil“ und die Ästhetik von Wohnräumen nehmen breiten Raum ein. Diese Kultur, die hauptsächlich auf Ablenkung aus ist, schwächt die Gesellschaft, da Konsum um seiner selbst willen zum wichtigsten Lebensinhalt wird.
Infrastruktur am Limit: Die verdrängte Gefahr Derweil holt uns die Realität auf brutalste Weise ein, doch wir weigern uns, das Muster zu erkennen. Der tagelange Stromausfall im Berliner Südwesten, ausgelöst durch einen Brandanschlag der „Vulkangruppe“, hat Zehntausende frieren lassen und die Verletzlichkeit unserer Versorgung offenbart. Die Welt am Sonntag warnt eindringlich: Angriffe auf Stromnetze und Bahnstrecken werden oft noch als Einzelereignisse behandelt, während die reale Gefahr einer hybriden Bedrohung längst sichtbar ist. Sicherheitsbehörden sehen ein konspiratives Milieu am Werk, das Infrastruktur gezielt angreift, doch der Schutz hinkt hinterher. Experten warnen, dass Deutschland auf Szenarien wie langanhaltende Blackouts in Metropolregionen kaum vorbereitet ist und die Auswirkungen massiv unterschätzt werden.
Versagen des Staates bei Kernaufgaben Das Fazit ist ernüchternd: Die Kritik wird laut, dass der Staat sich in immer mehr Lebensbereiche einmischt, während er seine Kernaufgaben vernachlässigt. Innere Sicherheit, der Schutz der kritischen Infrastruktur und das Funktionieren der Sozialsysteme weisen gravierende Lücken auf. Wenn der Staat grundlegende Dienstleistungen wie eine sichere Energieversorgung oder pünktliche Bahnen nicht mehr garantieren kann, erodiert das Vertrauen in das Gemeinwesen. Es wird Geld für vieles ausgegeben, doch an der Basis – bei Schulen, der Bahn und der inneren Sicherheit – fehlt es, und die Bürger bleiben mit der Notwendigkeit zur privaten Krisenvorsorge oft allein.


